Language patterns of Siberian Germans: results of the fieldwork in the Tomsk region

Тип работы:
Реферат
Предмет:
Языкознание


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Выдержка из работы

11. Шаховский, В. И. Эмоции в национальном характере и стереотипах как лингвокультурологическая и лингводидактическая проблема [Текст] / В. И. Шаховский // Вопросы психолингвистики. — 2010. — № 11. — С. 51 — 55.
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14. Raskin Victor Semantic mechanisms of humor [Text] / Victor Raskin. — Dordrecht: D. Riedel Publishing Company, 1985. — 284 p.
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Список источников примеров
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3. Sachsische Witze 1, Eichborn Verlag, 1991.
4. Sachsische Witze 2, Eichborn Verlag, 1992.
5. Sachsische Witze 3, Eichborn Verlag, 1993.
6. Sachsische Witze 4, Eichborn Verlag, 1996.
Александров Олег Анатольевич
Кандидат филологических наук, доцент, заведующий кафедрой немецкого языка ФГБОУ ВПО «Томский политехнический университет», г. Томск, Россия Андреева Ольга Александровна
Старший преподаватель кафедры лингвистики Томский государственный педагогический университет, г. Томск, Россия
УДК 811. 112.2 282. 4=161.1 04 ББК Ш 143. 24−5
ЯЗЫКОВЫЕ УСТАНОВКИ НЕМЦЕВ СИБИРИ: РЕЗУЛЬТАТЫ ПОЛЕВЫХ ИССЛЕ ДОВАНИЙ В ТОМСКОЙ ОБЛАСТИ*
Предлагаемая статья обобщает опыт полевых исследований говоров российских немцев, осуществленных на территории Томской области. Рассматриваются установки как к родному языку (немецкому говору), так и к другим языкам (русскому, хантыйскому, литературной форме немецкого языка), которыми информанты владеют или с которыми они контактировали в течение жизни. Анализ языковых данных осуществляется посредством комбинирования квалитативного и квантитативного методов.
Ключевые слова: говоры российских немцев- полевые исследования миноритарных языков- языковые установки- метаязыковое сознание.
* Исследование выполняется при финансовой поддержке Гранта Президента Р Ф молодым учёным (МК-4И3. 2012. 6).
LANGUAGE PATTERNS OF SIBERIAN GERMANS: RESULTS OF THE FIELDWORK IN THE TOMSK REGION*
The present article summarizes the results of the fieldwork of the Russian Germans dialects of the Tomsk Region and is aimed to show what the informants who adopted the German dialect as their mother tongue while the Russian language was learnt as a foreign one think about these languages and other languages they know or have come in contact with in their lives, what are their opinions and emotions concerning these languages. Language material was analyzed by both qualitative and quantitative methods.
Key words: Russian Germans dialects- minority languages field studies- language patterns- metalanguage consciousness.
DIE SPRACHEINSTELLUNGEN DER DEUTSCHEN SIBIRIENS: DIE RESULTATE DER FELDFORSCHUNGEN IM GEBIET TOMSK
Der vorliegende Artikel fasst die Erfahrungen der im Gebiet Tomsk durchgefuhr-ten Feldforschung der Mundarten von Russlanddeutschen zusammen und verfolgt das Ziel aufzuzeigen, was die Informanten, die die deutsche Mundart als Muttersprache erworben und Russisch als Zweitsprache erlernt haben, zu diesen und anderen Spra-chen, die sie beherrschen oder mit denen sie im Laufe ihres Lebens im Kontakt ka-men, meinen, welchen Wert sie ihnen zumessen, welche Gefuhle sie ihnen gegenuber haben. Die Analyse der Sprachdaten erfolgt mithilfe qualitativer und quantitativer Methoden.
Schlusselworter: die Mundarten der Russlanddeutschen- die Feldforschung der minoritaren Sprachen- Spracheinstellungen- metasprachliches Bewusstsein.
Die Wissenschaftler, die sich in ihren Arbeiten mit Spracheinstellungen befassen, sind auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage «Was ein Mensch, ein Laie (Nicht-Linguist) uber die Sprache denkt». Die wissenschaftlichen Arbeiten, deren Ziel in der Erforschung der Vorstellungen von Nicht-spezialisten uber die Sprache besteht, sind im Rahmen der sogenannten «naiven» oder «Volks"-linguistik entstan-den. Diese Richtung in der Linguistik ist relativ jung, aber entwickelt sich rasch so-wohl in Russland, als auch in Europa. Die Aufgabe der neuen sprachwissenschaftli-chen Disziplin ist durch Untersuchungen der sprachreflexiven Beschreibungen von Laien die Erkenntnisse der bisherigen Linguistik zu erganzen [Anders, 2010, S. 2223].
Spracheinstellungen werden aktiv von den Wissenschaftlern in Deutschland er-forscht. Am Institut fur deutsche Sprache in Mannheim lauft das Projekt «Erkundung und Analyse aktueller Spracheinstellungen in Deutschland-. In diesem Projekt soll ein umfassendes Bild der Meinungen und Gefuhle der in Deutschland lebenden Be-volkerung gegenuber der deutschen Sprache und ihren Varietaten, gegenub er Mehrsprachigkeitsverhaltnissen sowie gegenuber Sprachpflege und Sprachpolitik gewonnen werden (www. ids-mannheim. de/direktion/spracheinstellungen. html).
* The research is carried out with the financial support of the Presidential Grant for young scientists (MK-4113. 2012. 6)
An der Christian-Albrechts-Universitat zu Kiel lauft das Projekt «Der deutsche Sprachraum aus der Sicht linguistischer Laien». Das Projekt, das auch «Wahrne-mungsdialektologie» genannt wird, verfolgt das Ziel, zu klaren, uber welche Wi s-sensbestande der Laie, der Nichtspezialist, der Alltagsmensch im Unterschied zu den Linguisten verfugt (www. wahrnehmungsdialektologie. uni-kiel. de).
In der neusten deutschsprachigen Fachliteratur werden Dialektbewertungen nicht nur in Deutschland [Anders, 2010- Anders, 2010a], sondern auch am Beispiel der deutschsprachigen Minderheiten in Nachbarlandern [Nemeth, 2010- Deminger, 2004] analysiert. Aus der diachronischen Perspektive wird die gelebte sprachliche Alltags-wirklichkeit der mehrsprachigen Informanten, die neben den groBen die Kleinspra-chen (bzw. Dialekte) beherrschen, in sprachbiographischen Studien untersucht [Fran-ceschini, 2004- Treichel, 2004].
Das Ziel des vorliegenden Artikels ist aufzuzeigen, was die Deutschen Sibiriens, die die deutsche Mundart als Muttersprache erworben und Russisch als Zweitsprache erlernt haben, zu diesen und anderen Sprachen, die sie beherrschen oder mit denen sie im Laufe ihres Lebens im Kontakt kamen, meinen, welchen Wert sie ihnen zumessen, und welche Gefuhle sie ihnen gegenuber haben.
Das Gebiet Tomsk, das tief in Sibirien liegt, gehort zu den Regionen der Russi-schen Foderation, in denen die Deutschen besonders stark vertreten sind. Deutsche, die im Gebiet Tomsk leben, wurden aus der ehemaligen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen deportiert und vorwiegend in den nordlichen Teil dieses Gebiets angesiedelt. Im Norden des Gebiets Tomsk wurde der Rajon Ale-xandrowskij zum Hauptort der Deportation, wohin nicht nur Deutsche, sondern auch Juden, Polen und Esten verbannt wurden. Im Jahre 1945 betrug die Zahl der Russ-landdeutschen in diesem Rajon etwa 3000.
Es ist bekannt, dass die Deutschen, vor allem Manner uber 14, unter Zwang in die Trudowaja Armija (Arbeitsarmee) einberufen wurden. Im Gebiet Tomsk wurden die Trudsoldaten (Angehorige der Arbeitsarmee) beim Holzfallen und in der Fischindu-strie eingesetzt. Die schwerwiegenden Erlebnisse in der Trudarmee gehoren zu den tragischsten Seiten der Geschichte von Russlanddeutschen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Einheiten der Arbeitsarmee aufgelost, aber laut Erlass des Presidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 26. November 1948 war den Deutschen eine Ruckkehr in die ursprunglichen Siedlungsgebiete verboten.
Abb 1. Die Karte des Gebiets Tomsk
Die Zusammenfuhrung von Familien am Wohnort eines der Familienmitglieder war jedoch erlaubt. Sie dauerte von 1948 bis 1955, was zu einer erneuten Migration der Deutschen auf dem Territorium der UdSSR fuhrte. In dieser Zeitperiode zogen die Aussiedler vorwiegend in Richtung Suden: nach Kasachstan, Kirgisien u.a. Die Migrationsprozesse zeichneten sich durch eine massenhafte Abreise der Deutschen aus Sibirien aus, was eine wesentliche Reduzierung der Anzahl der Deutschen auch im Gebiet Tomsk herbeifuhrte. In diesen Jahren erfolgte auch die raumliche Umve r-teilung der deutschen Bevolkerung inmitten des Gebiets Tomsk: die Deutschen sind aus den nordlichen Teilen in die sudlichen Teile des Gebiets umgezogen. Laut Archivunterlagen lebten die meisten Deutschen bis Mitte der 50er im nordlichen Teil des Gebiets Tomsk (in den Rajonen Alexandrowskij, Kargosokskij, Parabelskij). Laut der Volkszahlung 1989 wohnten im Rajon Koschewnikowskij, der im Suden des Gebiets Tomsk liegt, jedoch schon 22% aller Deutschen des Gebiets Tomsk.
Die Perestroika loste eine massenhafte Ausreise der Russlanddeutschen nach Deutschland aus. Die deutsche Bevolkerung schrumpfte im ganzen postsowjetischen Raum, so auch im Gebiet Tomsk. Laut der Volkszahlung 2010 liegt der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevolkerung des Gebiets Tomsk bei 1%. Aber im Rajon Aleksandrowskij, wohin Anfang der 40er die Wolgadeutschen deportiert wurden, und im Rajon Koschewnikowskij, wohin in den 50er, 60er Jahren viele Deutsche umgezogen sind, liegt ihr Anteil an der Gesamtbevolkerung bei 10%.
Es sei erwahnt, dass die deutschen Inselmundarten der an das Gebiet Tomsk gren-zenden Regionen (der Altaj-Region, der Gebiete Omsk, Nowosibirsk) oft zum Objekt linguistischer Forschung wurden, wohingegen die Mundarten, die im Gebiet Tomsk gesprochen werden, von den Sprachwissenschaftlern lange Zeit auBer Acht gelassen
wurden. Seit 2001 untemimmt das Team unter der Leitung von der Professorin Zoja Bogoslovskaja regelmaBig dialektologische Expeditionen in den Rajon Koschewni-kowskij, um die Sprache und Kultur von Russlanddeutschen zu erforschen (Naheres sieh [Александров, 2008]).
Im Oktober 2012 liefen Feldforschungen, gefordert durch die Russische Stiftung fur die Geisteswissenschaften (RGNF), zum ersten Mal im Norden im Rajon Ale-xandrowskij. Befragt wurden uber 25 Bewohner des Rajons. Die Mundarttrager aus dem Rajon Alexandrowskij (wie auch aus dem Rajon Koschewnikowskij) sind zweisprachig, d.h. sie sprechen sowohl ihre deutsche Mundart, als auch Russisch. Aber je nach Alter, Ehetyp (gemischt-nationale Ehe oder ungemischte Ehe), Sied-lungstyp an der Wolga (wo kommt der Befragte her: in der Wolga-Republik gab es Dorfer, wo ausschlieBlich Deutsche wohnten, und Dorfer mit russischsprachiger Be-volkerung) variiert sich die Kompetenz der Befragten in der Muttersprache. Der wichtigste Faktor, der das Niveau der Kompetenz in der deutschen Mundart be-stimmt, ist das Alter der Befragten.
AuBerdem verfugen die Informanten uber Kenntnisse in der hochdeutschen Stand-artsprache: einige haben Hochdeutsch in der Schule vor der Deportation gelernt, die anderen besuchten Deutschkurse, viele besuchen ihre Verwandten in Deutschland, haben Kontakt mit ihnen per Telefon oder Brief. Die Befragten, die zur evangelisch-lutherischen Gemeinde gehoren, lesen religiose Literatur im Hochdeutschen und b e-suchen Gottesdienste in der hochdeutschen Sprache, oder, genauer gesagt, in der dia-lektgefarbten hochdeutschen Sprache.
Abb 2. Die Russlanddeutschen aus dem Rajon Alexandrowskij halten Gottesdienst in einem pri-vaten Haus
Das Niveau der Hochdeutschkompetenz der Deutschen aus dem Rajon Koschew-nikowskij, Alexandrowskij kann als «nicht (sehr) gut» bezeichnet werden, d.h. keiner der Informanten kann Hochdeutsch aktiv verwenden.
Etwa бЗ % der Befragten sind Frauen, das hat damit zu tun, dass die Lebenserwar-tung von Mannern niedrig ist, viele der Manner deutscher Herkunft waren bei der Trudarmee und mussten viel durchmachen. Die Frauen sind auch kontaktfreudiger, darum ist die Feldarbeit mit Frauen leichter. Wahrend unserer Expeditionen in die Rajone Koschewnikowskij und Alexandrowskij versuchten wir mit den Informanten zu arbeiten, die von 1925 bis 1935 geboren wurden. Die alteren Russlanddeutschen verfugen uber bessere Kenntnisse in der deutschen Mundart im Vergleich zu der jun-geren Generation von Russlanddeutschen, weil sie in der Wolga-Rebublik geboren wurden und in der Regel in der deutschsprachigen Umgebung ihre Kinderjahre ver-brachten.
Viele der Befragten haben vor der Deportation in das Wolga-Gebiet nur einige Jah-re die Schule besucht oder haben uberhaupt keine Schulbildung. Nach der Deportat ion nach Sibirien gingen sie in der Regel gar nicht zur Schule, denn sie waren in Be-trieben, Kolchosen, Sowchosen tatig, halfen ihren Eltern im Haushalt. Einige began-nen die Schule zu besuchen, brachen aber ab, gewohnlich aus Armut (sie hatten kein Geld, um Kleidung fur die Schule zu kaufen), oder oft weil sie von Mitschulern schi-kaniert wurden.
Die sprachlichen Daten wahrend der durchgefuhrten Forschung wurden auf zwei verschiedene Arten gesammelt: durch Interviews anhand von speziellen Fragebogen, deren Ziel war die Befragten zu der metasprachlichen Reflexion anzuregen und In-formationen uber ihre Vorstellungen uber die Sprache zu bekommen.
Einen erheblichen Teil der Daten wurden ohne Fragebogen erhoben. Die Expeditionen in die Rajone Koschewnikowskij und Aleksandrowskij zeigten, dass Bilin-guismus und Diglossie auch bei den Russlanddeutschen gunstige Voraussetzungen fur linguistische Vergleiche und gedankliche Verarbeitung der Sprache schaffen. Im Laufe der Einzel- und Gruppengesprache mit Informanten zu allgemeinen alltagli-chen Themen (Lebenslauf, Familie, Haus, Nachbarn, Leben auf dem Lande u.s.w.) wurden von den Forschern oft AuBerungen uber die Sprache dokumentiert.
Abb 3. Die Feldforschungsarbeiten im Rajon Koschewnikowskij. Die Informantin halt in der Hand eine Tafel mit Gottesspruch, die sie nach Sibirien aus der Wolgarepublik mitbrachte
Es werden zuerst die Ergebnisse der Erforschung der Spracheinstellungen von Russlanddeutschen des Gebiets Tomsk dargestellt. Sie basieren auf den Sprachdaten, die ohne Fragebogen erhoben worden sind.
In den Gesprachen der Forscher und der Probanden zu den Alltagsthemen werden die letzten mit dem Problem konfrontiert, wie sie ihre Muttersprache bezeichnen mussen. In diesem Fall versuchen die Informanten ihre Sprache von der Hochdeut-schen Sprache, der Sprache, die in Deutschland gesprochen wird, abzugrenzen. Des-wegen verwenden sie das Wort «Deutsch» selten, haufiger werden Worter und Wort-verbindungen wie «rnser Spraach», «wie wir spreche», «unser taitsch», «по-деревенски», «по-простому», «по-нашему» gebraucht. Auch selten wird das Wort «Dialekt» oder «Mundart» benutzt.
Die Befragten vergleichen oft ihre Mundart mit anderen Sprachen und sprachliche Erscheinungen ihrer Mundart mit sprachlichen Erscheinungen anderer Sprachen, mit denen sie in Kontakt kamen oder die sie selbst sprechen konnen. Die Vergleiche mit der hochdeutschen Sprache kommen im Gesamtkorpus der gesammelten Sprachdaten am haufigsten vor.
Fur die Bezeichnung der hochdeutschen Sprache verwenden die Befragten folgen-de Worter oder Wortverbindungen: «taitsch», «literaturische (nicht literarisch!) Spraach», «язык Германцев», «язык настоящих немцев», «язык Германии», «письменный язык». Die hochdeutsche Sprache wird als die Sprache der Kirche wahrgenommen, die Sprache, auf der gebetet wird, sie wird auch die Sprache der Bucher und Zeitungen genannt. Die Bezeichnung «die Sprache der Zeitungen» kommt davon, dass seit Ende der 50er in Russland die Zeitung «Neues Leben» fur Russland-deutsche (fruher fur Sowjetdutsche) herauskam, und die Mehrheit der Sowjetdeut-schen abonnierte diese Zeitung.
Hochdeutsch wird auch Stadtsprache genannt. Diese Bezeichnung gebrauchen vor allem die Befragten, die in dem Wolgagebiet in Dorfern bei den Stadten Marx und Engels wohnten und die in Kontakt mit den Stadtbewohnern kamen. Es ist bekannt, dass die Sprachvarianten, die die Wolgadeutschen in diesen Stadten gesprochen ha-ben, weniger dialektal gefarbt waren.
Hochdeutsch ist fur die Befragten auch die Sprache der Schule und ein Schulfach: ein Teil der Befragten besuchten einige Jahre die Schule in dem Wolgagebiet, wo sie in hochdeutscher Sprache lesen und schreiben lernten. Viele assoziieren Hochdeutsch mit der deutschen Sprache, die die Kinder, Enkelkinder in der Schule erlernen.
Beim Vergleich ihrer Muttersprache mit hochdeutscher Sprache betonen die Befragten die Einfachheit ihrer Mundart, ihre Mundart sei eine Sprache mit niedrigem Prestige, habe einen inoffiziellen Status, keine Schriftform, sei fur Kommunikation auf dem Lande typisch, sei rein, was sich im Fehlen von angloamerikanischen und franzosischen Entlehnungen auBere. Das unterstreichen besonders diejenigen Pro-banden, die in Deutschland waren und die deutsche Umgangssprache horten.
Oft kommentieren die Befragten phonetische und grammatische Eigenschaften ihrer Muttersprache, indem sie sie mit denen der hochdeutschen Sprache vergleichen: z.B. den Ausdruck des Besitzverhaltnisses durch den possessiven Dativ, den Verlust der Pluralendung -е bei den maskulinen Substantiven, das Fehlen des vokalisierten -r am Wortende.
Die Muttersprache wird oft mit anderen deutschen Mundarten, die in dem Wolgagebiet oder am Ort der Deportation verbreitet waren, verglichen. Das heiBt, der Be-fragte vergleicht die Mundart, die in seinem Dorf an der Wolga gesprochen wurde, mit der Mundart des Nachbardorfes. Oder, da die Deportation der Deutschen ins Ge-biet Tomsk aus verschiedenen Dorfern des Wolgagebiets erfolgte, vergleicht der B e-fragte seine Mundart mit der Mundart seines Nachbarn, oder mit der Mundart seines Ehepartners in der deutsch-deutschen Ehe, da sie Trager von verschiedenen Mundar-ten sein konnen. Beim Kommentieren anderer deutscher Mundarten verwenden die Befragten oft die sogenannten Schiboletten, d.h. sie versuchen typische Besonderhei-ten jener deutschen Mundarten zu demonstrieren, mit denen sie im Laufe ihres Le-bens in Kontakt kamen.
Seltener wird die Muttersprache mit der russischen Sprache verglichen. Im Korpus sind nur wenige Beispiele fur solche Vergleiche zu finden. Die Imformanten behaup-ten, dass die deutsche Mundart im Vergleich mit der russischen Sprache hoflicher sei und fast keine Schimpfworter habe. Die Befragten weisen darauf hin, dass das Russi-sche einen groBen assimilativen Einfluss auf ihre Muttersprache ausubt: ihre Muttersprache habe sehr viele russische Entlehnungen wie z.B. «телевизор», «ковёр». Die Probanden selbst machen uns darauf aufmerksam, dass sie wahrend des Ge-sprachs zwischen der russischen Sprache und der russlanddeutschen Varietat haufig wechseln. Das heiBt, sie kommentieren die Erscheinung der Codeswitsching — des Vorgangs, bei dem jemand von einer Sprache in eine andere wechselt.
Deutsche Mundart wird auch mit den Sprachen anderer minoritarer Ethnien, unter anderem der Stammvolker Sibiriens verglichen, z.B. mit der Sprache der sibirischen Tataren oder Chanten. Einige der befragten Russlanddeutschen wurden aus der Wol-garepublik an die von den Chanten bewohnten Orte des Gebiets Tomsk deportiert.
Die Sprache der Chanten ist auch eine bedrohte Sprache, die keine schriftliche Tradition hat und fur Wissenschaftler von groBem Interesse ist. Die Deutschen, die unter Chanten wohnten, erlernten ihre Sprache, wurden mit ihrer Kultur und Traditionen vertraut, sie ubernahmen ihre Kultur und Traditionen. So, z.B. in Alexandrowskoe interviewten wir eine Informantin, die mit einem Chanten verheiratet war und auBer ihrer deutschen Mundart auch Russisch und Chantisch konnte, sie konnte sogar Lie-der auf Chantisch singen. Beim Vergleich der deutschen Mundart mit dem Chanti-schen und der Sprache der Tataren wird die Mundart als «ruhige, nicht laute» Spr ache charakterisiert.
In Folgendem werden die Ergebnisse der Erforschung von Spracheinstellungen der Russlanddeutschen des Gebiets Tomsk dargestellt, die auf den im Laufe der Interviews mit speziellen Fragebogen erhobenen Daten basieren. Das Ziel des Fragebo-gens war die Probanden zur methasprachlichen Reflexion anzuregen. Dieser Frage-bogen enthalt Fragen mit Ja / Nein-Antworten, offene und geschlossene Fragen.
Auf die geschlossene Frage «Was ist Ihre Muttersprache?» hat die absolute Mehr-heit der befragten Deutschen ihre deutsche Mundart angegeben. Zwei Muttersprachen (deutsche Mundart und Russisch) haben diejenigen Befragten angegeben, die aus rus-sischen Dorfern der Wolgaregion oder aus gemischten deutsch-russischen Ehen stammen.
Um zuverlassige Daten zu erheben, wurden einige Fragen mit Ja-Nein-Antworten sowohl positiv als auch negativ formuliert. Die Umfrage zeigte, dass die Deutschen des Gebiets Tomsk ihre Sprache eher fur schon als unschon und eher fur einfach als kompliziert halten.
Abb 4. Frage: «Ihre Muttersprache ist … «
? deutsche Mundart
? Deutsch und Russisch
Abb. 5. Frage: «Ist Ihre Sprache leicht?»
Abb. 6. Frage: «1st Ihre Sprache schwierig?»
? Nein
? Ich weiS nicht
? Ja
? Nein
¦ Ja
¦ Ich weilS nicht
? Ja
¦ Nein
¦ Ich weili nicht
Auf die Frage, ob die Muttersprache der Probanden weiterleben oder aussterben wird, haben die Deutschen einstimmig geantwortet, dass sie die letzte Generation der Menschen seien, die diese Sprache sprechen konnen. Nach dem Tod des letzten Mut-tersprachlers dieser Generation werde die Sprache verloren gehen.
Auf die offene Frage «Was muss getan werden, damit die deutsche Mundart erha l-ten bleibt?» haben sehr viele Deutsche geantwortet, dass dieser Prozess nicht mehr zu stoppen sei, man konne nichts dagegen machen. Ein Teil der Befragten meint, dass die Sprache unbedingt an Schulen unterrichtet werden muss. Diejenigen Befragten, die in Deutschland waren, betonen, dass der Aufenthalt in Deutschland sie dazu mo-tivierte ihre Muttersprache zu sprechen.
Die Untersuchung hat auch gezeigt, dass es fur die Russlanddeutschen einen Zu-sammenhang zwischen dem Typ der Ehe und dem Erhaltungszustand ihrer Mutters-prache gibt. Die Deutschen, die in einer deutsch-deutschen Ehe leben, behaupten, dass sie ihre Muttersprache nicht vergessen haben, weil sie die Moglichkeit haben mit dem Ehepartner ihre deutsche Mundart zu sprechen. Die Deutschen aus gemischten deutsch-russischen Ehen stellen den Verlust an Kompetenz in der deutschen Mundart unter dem Einfluss der Sprache des Partners fest. Ein Teil der Befragten betont, dass die Teilnahme an den Versammlungen der religiosen Gemeinde zum Erhalt der Kompetenz in ihrer Muttersprache beitrug, denn auf diesen Versammlungen wird Deutsch gesprochen.
Mit der Antwort auf die Frage «Welche Fremdsprache mussen Ihre Kinder / En-kelkinder in der Schule erlernen?» haben viele Befragten gezogert. Viele Probanden erwahnten, dass sie ihren Kindern / Enkelkindern bei den Hausaufgaben im Fach «Deutsch» halfen, aber sie haben nie ihre Kinder / Enkelkinder dazu motiviert, Deutsch als Fach in der Schule zu wahlen.
Wir haben die Befragten gebeten, Bespiele fur Schimpfworter in ihrer Mundart an-zufuhren. Die absolute Mehrheit hat das Wort «Tunnerwetter (Donnerwetter)» ge-nannt, einige der Befragten haben russische Schimpfworter genannt.
Die Frage «Haben Sie etwas getan, um ihre Kinder / Enkelkinder zum Erlernen Ih-rer deutschen Mundart zu motivieren?» wurde von den Befragten vorwiegend (99%) verneint. Die Befragten erinnerten sich daran, dass sie es in der Sowjetzeit vermie-den, ihre Muttersprache in Anwesenheit von fremden Menschen zu sprechen (Men-schen, die zu ihrer sprachlichen Gemeinschaft nicht gehorten). Dieses Verhalten lasst sich durch diskriminierende Politik des Staates und soziale Stigmatisierung, durch negatives Verhalten der sowjetischen Burgern gegenuber den Russlanddeutschen in-folge der Geschehnisse des zweiten Weltkrieges erklaren. Die befragten Deutschen
?1? Nein ¦ Ja
nlch weili nicht
machten sich Sorgen um ihr eigenes Schicksal, um ihre Kinder und Enkelkinder und konnten oder wollten der sprachlichen und kulturellen Assimilation nicht entgegen-wirken. Die Eltern deutscher Herkunft wollten, dass ihre Kinder nicht auffielen, was dazu beitragen sollte, dass sie gleiche Rechte wie russische Kinder hatten.
Gezogert haben die Befragten auch mit der Antwort auf die Frage nach ihren unbe-liebten Wortern. Einige der Befragten nannten solche Worter wie «Faschist», «Fritz»
— diese herabsetzenden Namen haben die Russen fur sie in ihrer Kindheit gebraucht. Einige der Probanden sagten, es seien die ersten Worter gewesen, die sie in russischer Sprache gehort hatten.
Die Analyse des Korpus von sprachlichen Daten, die wahrend der Interviews mit und ohne Fragebogen erhoben worden waren, ergab, dass die Russlanddeutschen sich aktiv mit der sprachlichen Wirklichkeit gedanklich auseinandersetzen. Zu den Fakto-ren, die diesen Prozess begunstigen, zahlen Bilingualismus und Diglossie. Obwohl die im Rahmen der Untersuchung befragten Russlanddeutschen frei Russisch spre-chen konnen, geben sie alle ihre deutsche Mundart als ihre Muttersprache an. Der deutschen Mundart bringen sie uberwiegend positive Gefuhle entgegen und bewerten ihre Muttersprache als schon, dabei weisen sie auf ihr niedriges Prestige hin. Den Probanden ist bewusst, dass ihre Sprache bald verloren geht und sie bedauern es sehr, dass dieser Prozess unvermeidbar ist. Gleichzeitig geben sie zu, dass sie nie versuchten, jungeren Generationen ihre deutsche Mundart beizubringen, sie zum Er-lernen ihrer Muttersprache zu motivieren.
Bibliographische Liste
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S.

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